Jugend zu Lëtzebuerg


Nachdem in den vergangenen Jahren die Situationsbeschreibung und Evaluation der nationalen Jugendpolitik im Vodergrund standen, sollten die verbleibenden Monate dazu genutzt werden, die Jugendarbeit neu auszurichten und die Jugendpolitik aus ihrem derzeitigen politischen Dornröschenschlaf zu befreien.Mehr Mut und neue Akzente in der Jugendpolitik!

Mit der Abschaffung eines eigenstständigen Jugendministeriums, die im Sommer 1999 im CSV-DP-Koalitionsabkommen beschlossen wurde, befürchteten viele einen Stop für den Ausbau der Jugendpolitik. Seit der Schaffung des Service National de la Jeunesse im Jahre 1984 wurde die staatliche Jugendpolitik stark ausgebaut, Budgets aufgestockt und profesionalisiert. Entgegen den Befürchtugen aber, wurde auch nach 1999 diese Politik fortgeführt, Jugendhäuser wurden weiterhin eingerichtet, neue Aktionsfelder ausgelotet.

Anläßlich eines CSJ-Rundtischgesprächs zur Jugendpolitik, gleich nach den Koalitionsverhandlungen im Sommer 1999, waren sich viele mit der neuen Losung der nun zuständigen Ministerin Jacobs einverstanden, wonach zukünftig “nicht weniger Jugendarbeit stattfinden soll, jedoch qualitative Änderungen vorzunehmen seien”.

In der Tat war es sinnvoll, neben ausgetretenen Pfäden (Jugendanimation, Jugendherbergen,Jugendhäuser, Kommunalpläne), in denen unbestritten enorm viel geleistet wurde, neue Wege zu suchen. So begann ein langer Prozess der Evaluation und Konsultation über die bisherige Jugendarbeit, vor allem im Rahmen der von Kommissarin Reding lancierten EU-Weißbuchs zur Jugendpolitik (1999-2002), dem für den Europarat bestimmten “Rapport national sur la Jeunesse au Luxembourg” (2000-2001) sowie die derzeit laufenden Arbeiten am neuen “Plan d’action Jeunesse”. Zurecht wurden die “Caravane 2000” und das jetzt laufenden “Lëtz-Multi”-Programm dafür genutzt, Jugendliche an der Ideensammlung zur neuen Jugendpolitik zu beteiligen. Hoffnungen auf eine Neuorientierung weckte schliesslich die von CSV-Fraktionschef Weiler initierte Debatte über das von der Praxis überholte Jugendschutzgesetz von 1992, das sich unwesentlich von dem von 1971 unterscheidet!

Leitbild “Demokratie lernen”

Quintessenz dieser Diskussionen? Weniger Einzelaktionen, sondern ein visionäres, innovationsbejahendes Rahmenkonzept für die zukünftige Jugendpolitik und Jugendarbeit!, so Hendrik Otten und Georges Wirtgen in ihren Schlussfolgerungen zum Rapport National sur la Jeunesse au Luxembourg (2001). Als besondere Herausforderungen zeichnen sich ab:

Erstens, die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen bei Jugendlichen damit wir mehr miteinander, anstatt nebeneinander leben. Zweitens, die Isolation junger Menschen verhindern indem sie lernen, Unsicherheiten und soziale Ängste zu überwinden (soziale Anerkennung, Lebensplanung, Berufschancen) sowie persönliche Defizite aufzuarbeiten. Drittens, Luxemburgs Jugend als Partner des “Gesellschaftsvertrages” mehr ernst zu nehmen als bisher, indem sie verstärkt lernen Demokratie zu leben, d.h. nicht nur wählen gehen, sondern aktiver Bürger zu sein und bei gesellschaftlichen Diskussionen (Renten, Genetik, Familien/Lebensgemeinschaften, Jugendstrafvollzug) besser mitwirken können.

In der Tat benötigen wir einen Gesamtansatz, der Jugendpolitik und -arbeit nicht als Beschäftigungstherapie für Minderbemittelte und berufliche Spielwiese für Pädagogen und Erzieher ansieht, sondern als aktive Gesellschaftspolitik: soziale Kohäsion ist kein Zufallsprodukt, sondern Ergebnis eines gelingenden Hineinwachsens in die Gesellschaft. Teilhaben (partizipieren) an der Gesellschaft kann nur jemand, der darauf vorbereitet wird, sei es durch die Erziehung in der Familie, durch formelle Bildung an Schulen oder non-formelle Erziehung und Weiterbildung im sozialen Verbund. Worauf es also ankommt ist (Fragestellung der OECD-Studie PISA), ob die jungen Menschen “fit” sind für eine Gesellschaft, die Erwachsenen bereits alle Mühe abverlangt, um mitzuhalten.

Kohärente Rahmengesetzgebung nötig

Konkrete und praktisch umsetzbare Vorschläge lieferte die christlich-soziale Jugend 2001 als Schlussfolgerung ihrer Aktionsreihe über Jugendhilfe- und Jugendschutz in Luxemburg.

Wer ein neues Leitbild umsetzen will, muss seine politischen Instrumente aufpolieren und neu ordnen. Eine neue Rahmengesetzgebung ist deshalb nötig, um bestehendes den gesellschaftlichen Erfordernissen anzupassen und eine klarere “Job-description” und Aufgabenteilung im Jugendbereich herzustellen, sowie die Vernetzung im Jugendbetreuungsbereich zu verbessern. Das Vier-Säulen-Modell der CSJ für eine neue Rahmengesetzgebung bzw. Architektur für den Jugendbereich sieht vier gleichberechtigte Säulen, die dieses “Gebäude” tragen:

So soll das aktuelle Jugendschutzgesetz aufgeteilt werden in ein Kinder- und Jugendhilfegesetz einerseits und ein Jugenddelinquenz- oder -strafgesetz andererseits. Im Jugendhilfegesetz sollen die soziale Fürsorge für Heranwachsende, bzw. neue Formen der Jugend- und Familienhilfe geregelt werden. So könnten beispielsweise die Elternarbeit verbessert werden, oder die Jugendpsychiatrie, die bislang sträflichst vernachlässigt wurde, aufgebaut werden. Im Jugendstrafgesetz soll die Strafverfolgung jugendlicher Delinquenz geregelt werden, bzw. mit dem bestehenden Mediationsgesetz in Einklang gebracht werden. Der vergangenes Jahr ins Leben gerufene Kinderombudskomittee ergänzt diese beiden Säulen.

Daneben könnte die professionelle Jugendarbeit in einem “Jugendförder- und Präventionsgesetz” (Loi de promotion et de prévention pour la jeunesse) novelliert. Nicht zuletzt die Ergebnisse der Ende 2002 fertiggestellten Studie des Gesundheitsministeriums und des Erziehungsministeriums über “Das Wohlbefinden der Kinder- und Jugendlichen in Luxemburg”. Die Ergebnisse, etwa im Hinblick auf “Gewalt” und “Konsumverhalten”, srechen für sich und fordern dazu auf, die Arbeit staatlicher- und parastaatlicher Stellen im Jugendbereich neu auszurichten und zu “benchmarken” (Stichwort “Qualitätssicherung”).

Dialog mit dem jungen Bürger

Die vierte Säule einer neukonzipierten Jugendpolitk müsste dem “sozialen Dialog” mit der Jugend gewidmet sein. Dieser Dialog kann sich nicht in informellen Foren und zufälligen Jugendfestivals oder Kulturevents erschöpfen. Staatliche und nicht-staatliche Jugendarbeit müssen sich ergänzen und aufeinander abgestimmt sein. Bei gesellschaftlichen Debatten dürfen die nachkommenden Generationen nicht ausgeschlossen werden, wie erneut die jüngsten nationalen Debatten (Rententisch, Bildungswesen, Immigration) gezeigt haben. Dialog mit dem “jungen Bürger” ist weder freundliches Zuhören, noch ermunterndes Schulterklopfen, sondern dafür benötigt es einen strukturierten Ansatz, kontinuierliche Vor- und Nachbereitung wie das in anderen Bereichen, etwa in der Geschlechter-Gleichstellungspolitik geschieht.

Das einzige repräsentative Organ der luxemburger Jugend, die “Conférence générale de la jeunesse”, muss ihrer Rolle und Aufgabe gerecht werden können, ebenso der recht übersichtlich bestückte “Conseil supérieur de la jeunesse”. Sei es in einer eine Art “Jugendkammer”, einem “Conseil National de la Jeunesse” oder einem “Nationalen Jugendkonvent”, der soziale Dialog mit der Jugend und die Beratung und Zusammenarbeit mit den freien Trägern im Jugendbereich darf nicht dem Zufall überlassen bleiben.

Jugendpolitik ist kein Selbstzweck, sie ist mehr denn je ein nationales Anliegen. Unser Land hat sich in den letzten Jahren gesellschaftlich sehr gewandelt. Dieser Wandel macht sich besonders bei unseren Jugendlichen bemerkbar. Hier muss die Politik ansetzen: ihnen Zukunftschancen zu eröffnen, ihnen Erfahrungsräume zu bieten, wo sie ihre Fähigkeiten entwickeln können und sich als wichtiges Mitglied der Gesellschaft begreifen. Wir brauchen eine mutige und ehrgeizige Jugendpolitik, die den Herausforderungen unserer Demographie und unserer Zeit gerecht wird. Das Beste von und für junge Menschen zu fordern, ist gerade gut genug!

Charel Schmit

Charel.schmit@web.lu